1892 Kaukehmen bei Tilsit – 1982 Berlin

Friedrich Schröder-Sonnenstern, der zusammen mit seinen zwölf Geschwistern aufwächst, hat keine einfache Kindheit. Bereits mit zehn Jahren gewöhnen ihn die Eltern an Alkoholkonsum und er muss entdecken, dass er als Spaßvogel am ehesten der häuslichen Gewalt entkommen kann. Er ist schon früh ein Außenseiter und gilt als Querkopf – 1906 kommt er in eine Besserungsanstalt. Dann besucht er für zwei Jahre ein Internat, eine Lehre als Gärtner schlägt fehl, er kommt zurück in die Anstalt, bricht 1910 eine Lehre in einer Meierei ab. 1912 kommt er erstmals in eine Psychiatrie, wo er durch Gewalttätigkeit und Größenwahnsinn Aufmerksamkeit erregt. Nach seiner Entlassung zieht er obdachlos umher, wird immer wieder festgenommen und 1915 zum Kriegsdienst eingezogen, aus dem er wegen Schizophrenie schnell wieder entlassen wird. Er eröffnet ein Geschäft, was in einer Verhaftung wegen Betrug endet. Nach erneutem Aufenthalt in der Psychiatrie 1918 wird er entmündigt. Es folgen weitere Anstaltsaufenthalte, eine kurze Zeit bei seinen Eltern. 1919 geht er nach Berlin und taucht dort unter falschem Namen unter. Er beschäftigt sich mit Okkultismus, Wahrsagerei und Heilmagnetismus. Er gründet eine Sekte und verteilte seine Einnahmen in Form von Brötchen bevorzugt an Kinder, was ihm den Titel „Schrippenfürst von Schöneberg“ einbringt. Er versteht sich als heiligen Guru und schart, im obligatorischen weißen Gewand und mit langen Haaren, viele Anhänger um sich. Ab 1933 wird er in einer Psychiatrie aufgenommen – aufgrund von einer attestierten Schizophrenie und einem „gehöriges Maß an Fantasie und Träumerei“ – und sitzt anschließend drei Jahre im Gefängnis respektive der Besserungsanstalt. Es folgt eine Internierung im Arbeitslager, aus dem er 1942 fliehen kann. In den 1950er und 1960er Jahren gehört er zu den wichtigsten Mitgliedern der Bohème in Berlin-Kreuzberg.

Nachdem er sich zuvor unter anderem als Melker, Clown, Landstreicher, Sektengründer und Heilpraktiker durchgeschlagen hatte, beginnt Friedrich Schröder-Sonnenstern erst im Alter von weit über 50 Jahren richtig mit dem Zeichnen. Es entstehen vermutlich nur drei Gemälde. Seine Werke, in deren Mittelpunkt oft bizarre Wesen zwischen Mensch und Tier stehen, werfen vor allem Fragen auf, denn sie sind eine im wahrsten Sinne des Wortes bunte, chaotische Mischung aus Banalem, Alltäglichem und Gefühltem, Geträumtem und Wirklichem und Absurdem, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Aus seinen Bildern, deren Ästhetik uns ungewohnt gegenübertritt, spricht etwas Fideles, Geheimnisvolles und Abgründiges – sie sind Spiegel eines qualvollen, suchenden, emotionalen Lebens, das sich vor allem mit viel Humor gegen alle Normen und gesellschaftlichen Begrenzungen gestellt hat. Zeitgenössische Künstler und Kunstkenner, national wie international, sind von ihm und seiner Kunst fasziniert – im Gegensatz zu den Professoren der Berliner Kunstakademie, die ihm wegen Unruhestiftung Hausverbot erteilen. Besonders in Frankreich werden seine Werke später von Künstlern und Galeristen entdeckt, die Schröder-Sonnenstern als genialen Vertreter der Art Brut verstehen. 1959 sind seine Werke in Paris in einer Surrealismus-Ausstellung zu sehen. Pablo Picasso, Max Ernst oder der spätere Staatspräsident Georges Pompidou kaufen seine Bilder. 1973 zeigen die Kestner-Gesellschaft in Hannover und das Haus am Waldsee in Berlin eine Retrospektive. Die gestiegene Nachfrage kann Schröder-Sonnenstern bald nicht mehr alleine bewältigen. Er beginnt, sich selbst zu kopieren und beschäftigt Schüler und Assistenten in seiner Werkstatt. Dies führt letztlich dazu, dass seine Werke kaum mehr verkauft werden und er gibt das Zeichnen auf. Als er mit knapp 90 Jahren stirbt, ist er völlig verarmt und kaum mehr bekannt. Erst aktuell scheint der Künstler erneut im Ausland wiederentdeckt zu werden. Bei der Biennale 2013 in Venedig wurde er als wichtiger Repräsentant der Art Brut gewürdigt.

Galerie

Ausstellungen mit Friedrich Schröder-Sonnenstern

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